»Wenn jene sagen: ›Wie lange noch die gleiche Kritik?‹, so antworte ich: ›Wie lange macht ihr immer wieder die gleichen Fehler?‹« – dieses Zitat des römischen Philosophen Seneca illustriert die Motivation von Peter Hertel, sich so ausdauernd mit den Spielarten des römisch-katholischen Fundamentalismus zu beschäftigen.

Seit vielen Jahren beschreibt der Theologe und Journalist (Publik, später NDR) die »heiligen Ziele und unheiligen Geschäfte des Opus Dei«, veröffentlicht geheimgehaltene Dokumente und deckt den Einfluß dieser »pressure group« auf Entscheidungen in der römisch-katholischen Kirche auf. Bei seinen Recherchen ist er immer wieder auf Querverbindungen zwischen Gruppen und Verbänden gestoßen, die sich als sogenannte »Neue geistliche Gemeinschaften« oft der Gunst höchster Kirchenkreise erfreuen. In seinem Buch »Glaubenswächter« will Hertel »jenseits von Apologetik und Polemik (…) psychologische Hintergründe, Anbindung an hohe Instanzen, kirchenpolitische Allianzen, theologische Ziele und finanzielle Fundamente« solcher Gruppen darstellen.

Im ersten Teil des Buches werden fünf Stationen seines »Erkundungspfades« zu den Bewegungen und Institutionen in Rom vorgestellt: neben dem bereits vor über 70 Jahren gegründeten »Opus Dei« erläutert Hertel Hintergründe und aktuelle Entwicklungen in Gruppen wie »Communione e Liberazione«, »Neokatechumenaler Weg« oder die »Initiativkreis katholischer Laien und Priester«, die alle nach dem Zweiten Weltkrieg, zumeist sogar erst als Reaktion auf das Zweite Vaticanum entstanden sind. Angesichts der »Erosion des Christentums« in den westlichen Ländern, besonders aber nach der (aus traditionalistischer Sicht) »allzu progressiven Entwicklung« der katholischen Kirche nach dem Konzil verfechten diese Gemeinschaften den totalen Gehorsam gegenüber dem Papsttum. »Rechtgläubigkeit« wird gemessen am Einsatz für vorkonziliare liturgische Formen (lateinische Messe, Mundkommunion), besonders aber für die traditionelle Marienverehrung.

Nach der »Besichtigung« in Rom wendet sich Hertel dann im zweiten Teil dem »Feldlager im deutschsprachigen Raum« zu. Während man der verlorenen gesellschaftlichen Bedeutung und dem politischen Einfluß der Kirche nachtrauert, kritisieren viele Gruppen gleichzeitig das gewachsene Staat-Kirche-Verhältnis in Deutschland. Dies manifestiert sich besonders in der heftigen Auseinandersetzung um die Abtreibung, bei der diverse »Lebensrechts-Gruppen« mit massivem Druck auf Politik und Kirche hervortreten.

Auf rund 100 Seiten gewährt Hertel Einblick in die Ergebnisse seiner langjährigen Recherchen. Durch ausführliche Schilderungen von international tätigen oder auf den deutschsprachigen Bereich beschränkten Institutionen und Gruppen entsteht ein anschauliches Panorama der traditionalistisch-fundamentalistischen Szene, »fromme Allianzen trotz einiger Differenzen« werden deutlich. Hertel nennt auch Namen von »Kämpfern im Heerlager«, die sich gegenseitig unterstützen und weiterempfehlen, Adelige und Professoren, CDU-Politiker, Juristen und Ordensleute, die immer wieder auftauchen. Hilfreich für die Nutzung als »Nachschlagewerk« wäre allerdings neben dem ausführlichen Personen- auch ein Sachregister der vorgestellten Gruppen gewesen.

Hertel verzichtet auf Dramatik und populäre Dämonisierung, hält z.B. die »politischen Verschwörungstheorien, die man hierzulande gelegentlich über das Opus Dei hört, (für) unhaltbar« und warnt vor Pauschalurteilen. Statt dessen sieht er in den neuen Gemeinschaften eine kritische Anfrage an die Kirche, eine Herausforderung an alle, zu prüfen, »ob sie etwa das berühmte ›Aggiornamento‹ zur bloßen Anpassung verkommen lassen«. Alternative zu fundamentalistischen Engführungen ist also keine »postmoderne Beliebigkeit«, sondern eine »beflügelnde Utopie«: »Gefordert ist auch der Widerstand gegen unglaubwürdige Bindungen der Kirche an Macht und Kapital, gegen inquisitorischen Zwang und blinden Gehorsam.«

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